Vorkehrung eines Aufrufers zu Allāh

Die dritte Vorkehrung eines Aufrufers zu Allāh

Weisheit! So soll der Dāʿiyah mit Weisheit zu Allāh einladen. Welch bitteren Beigeschmack Weisheit ohne Weisheit hat! Und die Einladung zu Allāh, den Erhabenen, erfolgt eben mit Weisheit! Danach mit der guten Ermahnung! Dann mit der Debatte auf der besten Art, außer mit denjenigen, die Unrecht tun! Dann debattiert man eben nicht mehr auf die beste Art und hierzu gab es vier Stufen.

Allāh, der Erhabene sagt:

„Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen in bester Weise. Gewiss, dein Herr kennt sehr wohl, wer von Seinem Weg abirrt, und Er kennt sehr wohl die Rechtgeleiteten.“ [an-Nahl 16 : 125]

Ferner sagt der Erhabene:

„Und streitet mit den Leuten der Schrift nur in bester Weise, außer denjenigen von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: “Wir glauben an das, was (als Offenbarung) zu uns herabgesandt worden ist und zu euch herabgesandt worden ist; unser Gott und euer Gott ist Einer, und wir sind Ihm ergeben’.”“ [al-ʿAnkabūt 29 : 46]

Zur Weisheit gehört es mit den Angelegenheiten vertraut zu sein und sie richtig beurteilen zu können, sodass die Dinge ihre richtige Stellung bekommen und ihrem richtigen Platz zugeordnet werden können. Voreilig zu sein hat nichts mit Weisheit zu tun und dass man von den Menschen erwartet, sich – von heute auf morgen – von ihren Lebensgewohnheiten zu trennen und die Lebensgewohnheit der Gefährten (Sahābah) zu verinnerlichen, auch nicht. Wer dies erwartet ist dummen Verstandes und sehr weit von der Weisheit entfernt , denn die Weisheit Allāhs, des Allmächtigen und Glorreichen, stimmt mit solch einer Vorgehensweise nicht überein. Daraufhin deutet, dass Muhammad der Gesandte Allāhs (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) und zugleich derjenige ist, auf den das Buche Allāhs herabkam und auf den die Gesetzgebung stufenweise herabkam, bis er sich in den Herzen (nufūs) fest verankerte und vervollständigt wurde. Das Gebet wurde in der Nachtreise (miʿrādsch) zur Pflicht und zwar drei Jahre vor der hidschrah, auch ist die Rede von 1,5 Jahren und von 5 Jahren und die Gelehrten haben diesbezüglich verschiedene Ansichten. Unabhängig davon wurde das Gebet nicht so, wie wir es jetzt kennen, zur Pflicht; Die Pflicht zum Gebet bestand zu Beginn aus zwei Gebetseinheiten (rakʿah) für das Mittags-, Nachmittags-, Nacht- und Morgengebet und aus drei Gebetseinheiten für das Abendgebet, damit es das ‘witr’ des Tages wird. Erst nach der hidschrah und nachdem für den Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – 13 Jahre in Makkah verstrichen waren, erhöhte sich die Anzahl der Gebetseinheiten für den Ansässigen. Es wurde somit zu vier Gebetseinheiten für das Mittags-, Nachmittags-, Nachtgebet und das Morgengebet blieb unverändert, weil darin viel Qurʾān rezitiert wird und das Abendgebet blieb aus drei (Einheiten) bestehen, da es das witr des Tages ist.

Und genauso die Armensteuer (zakāh), welche im zweiten Jahr nach der hidschrah zur Pflicht wurde oder auch bereits in Makkah bindend war, jedoch war ihre endgültige Form noch nicht festgelegt und auch noch nicht absolut verpflichtend. Auch sandte der Prophet – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – seine Verwalter zum Einnehmen der zakāh erst im neunten Jahr nach der hidschrah raus. Daher entwickelte sich die zakāh in drei Stufen.

Die erste Stufe war in Makkah: Allāh sagt:

„… und entrichtet am Tag ihrer Ernte ihre(n) Pflicht(anteil, der darauf steht), …“ [al-Anʿām 6 : 141]                                                                       

Die Pflicht zur Abgabe blieb aber noch offen und die Angelegenheit lag bei den Leuten.

Die zweite Stufe: Im zweiten Jahr nach der hidschrah bekam die zakāh den festen Prozentsatz.

Die dritte Stufe: Im neunten Jahr nach der hidschrah begann der Prophet – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – seine Boten zu den Eigentümern des Viehs und der Früchte zu senden, um die zakāh von ihnen einzusammeln.

Betrachte daher den fürsorglichen Umgang von Allāh, dem Allmächtigen und Glorreichen, im Einführen Seiner Gesetze angepasst an die jeweilige Situation der Menschen. Und Er ist der Beste aller Richter.

Dies trifft auch auf das Fasten zu, auch hier gab es die stufenweise Einführung in der Legitimierung/Gesetzmäßigkeit. Die Menschen hatten anfangs eine Auswahl zwischen dem Fasten und dem Speisen eines Bedürftigen. Erst später wurde das Fasten fest zur Pflicht, wobei das Speisen eines Bedürftigen nur noch denen erlaubt war, die nicht in der Lage sind die Tage durch zu fasten.

Deshalb sage ich: Die Weisheit und die Veränderung der Welt von heut auf morgen stimmen nicht überein und so geht kein Weg daran vorbei als einen langen Atem zu bewahren. Akzeptiere von deinem Bruder, den du einladen willst, was er heute an Wahrheit besitzt und fahre mit ihm stufenweise fort, bis du ihn von der Falschheit befreist. In deinen Augen sollten die Menschen auch nicht alle das gleiche Niveau haben. Es gibt da einige Unterschiede (z.B.) zwischen einem Unwissenden und einem widerspenstig Hartnäckigen.

Ich halte es für angemessen an dieser Stelle Beispiele von der Daʿwah des Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – zu erwähnen:

Das erste Beispiel: Einst betrat ein Beduine die Moschee in der sich der Prophet – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – mit seinen Gefährten aufhielt. Der Beduine urinierte an einer Stelle innerhalb der Moschee, woraufhin ihn die Anwesenden mit einer Strenge tadelten und mit harten Worten kritisierten. Der Prophet – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – hingegen und er ist ja derjenige, dem Allāh die Weisheit gab, ließ den Tadel nicht zu und setzte ihm ein Ende. Als der Mann fertig urinierte, befahl der Prophet – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – einen Eimer Wasser über den Urin zu schütten. Dadurch wurde der Schaden behoben. Der Gesandte – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – rief den Beduinen zu sich und sagte ihm:

„Wahrlich, in den Moscheen ist es nicht angemessen Schadhaftes oder Schmutz zu hinterlassen. Ihre Nutzung liegt in der Verrichtung der Gebete und dem Rezitieren des Qurʾāns.“ [Buchārī, Nr. 219, Nr. 221, Nr. 625; Muslim, Nr. 285]

Das Herz des Beduinen weitete sich aufgrund dieser guten Behandlung auf. Einige Gelehrte überliefern, dass der Beduine sagte:

„O Allāh, sei mit mir und Muhammad barmherzig, und sonst zu niemand anderen (von uns).                                                                                  

Muhammad – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – behandelte ihn auf eine sehr schöne Art und Weise, wohingegen die Gefährten – möge Allāh mit ihnen wohlzufrieden sein – im Beseitigen des Verwerflichen zu voreilig waren und das Fehlverhalten dieses unwissenden Mannes nicht richtig einschätzten.

Das zweite Beispiel: Einst kam Muʿāwiyah Ibn al-Hakam (Allāhs Wohlgefallen sei auf ihn) hinein, während der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) die Menschen im Gebet leitete. Unter den Leuten war ein Mann, der nieste und sagte: „al-hamdulillāh“; und wenn jemand während des Gebetes niest, dann sollte er auch „al-hamdulillāh“ sagen, ganz gleich ob man sich im Stehen, bei der Beugung oder bei der Niederwerfung befindet. Dieser Mann (im Gebet) sagte „al-hamdulillāh“. Darauf antwortete Muʿāwiyah mit „yarhamukallāh“. Diese Antwort wird im Gebet als Sprechen gewertet und solch eine Tat macht das Gebet ungültig. Die Leute um ihn herum bewarfen ihn mit ihren Blicken und starrten ihn an. Muʿāwiyah sagte: „Hätte meine Mutter mich doch verloren.“

Dies ist lediglich eine Redewendung, deren Bedeutung aber nicht beabsichtigt ist. Der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) sagte das sogar zu Muʿādh Ibn Dschabal (Allāhs Wohlgefallen sei auf ihn) als er ihm folgendes mitteilte: „Soll ich dir nicht etwas sagen, was all dies kontrolliert?“ Er (d.h. Muʿādh) sagte:

„Gewiss, o Gesandter Allāhs.“ Er (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) sagte: „Halte dich mit dieser zurück.“ Er hielt seine Zunge und sagte: „Halte diese zurück.“ Muʿādh sagte: „Werden wir Rechenschaft ablegen für das, was wir damit sagen?“ Er (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) sagte: „Hätte deine Mutter dich doch verloren, o Muʿādh. Was sonst wird dafür sorgen, dass die Menschen auf ihren Gesichtern (am Boden) zum Höllenfeuer gezogen werden“ oder er sagte „auf ihren Nasen“ – „außer das, was ihre Zungen ernten.“[Ahmad, Nr. 22366; at-Tirmidhī, Nr. 2616; Ibn Mādschah, Nr. 3973]                                                                 

Danach betete Muʿāwiyah (Allāhs Wohlgefallen sei auf ihn) weiter. Nach Beendigung seines Gebetes rief ihn der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) zu sich. Muʿāwiyah (Allāhs Wohlgefallen sei auf ihn) sagte:

„Bei Allāh, ich sah keinen Lehrer besser lehren als er es tat“.                                                                                                                                          

Möge Allāh Seinen Frieden und Seinen Segen auf ihn senden. Er sagte:

„Bei Allāh, er war weder hart zu mir noch tadelte er mich; vielmehr sagte er nur: ‚Wahrlich, in diesem Gebet ist kein Platz für Worte der Menschen. (Das Gebet) ist das Lobpreisen (tasbīh), das Sagen von Allāhu akbar (takbīr) und für das Rezitieren des Qurʾāns.’“ [Muslim, Nr. 537]

Schau wie die Seelen diese Art der Daʿwah lieben, wie sie von den Leuten akzeptiert wird und sich die Herzen öffnen.

Und nun leiten wir von diesem hadīṯ Vorzüge und Nutzen im Fiqh ab. Wer auch immer während des Gebetes spricht, ohne zu wissen, dass das Sprechen das Gebet ungültig macht, so ist sein Gebet immer noch gültig.

Das dritte Beispiel:

Ein Mann kam zum Propheten (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) und sagte: „O Gesandter Allāhs, ich bin ruiniert!“ Er fragte: „Was hat dich ruiniert?“ Er sagte: „Ich hatte im Ramaḍān Geschlechtsverkehr mit meiner Frau während ich fastete.“ So befahl ihm der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) (als Sühneleistung) einen Sklaven zu befreien. Er sagte jedoch: „Ich finde keinen.“ So befahl er ihm zwei aufeinanderfolgende Monate zu fasten, jedoch sagte er: „Ich bin nicht fähig dazu.“ Dann befahl er ihm 60 Bedürftige zu speisen, doch er sagte: „Ich bin nicht fähig dazu.“ Der Mann setzte sich hin, alsdann der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) mit Datteln zu ihm kam und sagte: „Nimm diese und gib sie als Almosen ab.“ Der Mann wurde aber gierig aufgrund der Großzügigkeit des Propheten (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil), welcher der Großzügigste aller Geschöpfe war, denn der Gesandte Allāhs (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) war der freigebigste unter den Menschen. Der Mann fragte daraufhin: „Jemand, der ärmer ist als ich o Gesandter Allāhs? Bei Allāh, in der ganzen Wohngegend gibt es keine anderen Menschen, die ärmer sind als ich.“ Hierauf lachte der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil), sodass man seine Backenzähne sehen konnte, denn dieser Mann kam verängstigt und sagte „Ich bin ruiniert“ doch letztendlich ging er wieder fort mit einer Beute. So sagte der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil): „So speise damit deine Familie.“ [ Buchārī, Nr. 1936; Muslim, Nr. 1111]

Der Mann ging fort, war erleichtert, ergatterte sich eine Beute und war über diese friedfertige Religion und dieser Einfachheit desjenigen fröhlich, welcher der erste Dāʿiyah dieser Religion des Islams war, möge Allāhs Segen und Heil auf ihm sein.

Das vierte Beispiel: Lasst uns hierfür mal nachschauen, wie der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) mit einem umging, der eine Missetat begangen hatte.

Eines Tages sah der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) einen Mann mit einem Goldring an seiner Hand. Der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) entriss ihm den Ring mit seiner edlen Hand und warf ihn auf den Boden. Er (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) sagte: „Würde jemand von euch absichtlich eine feurige Kohle auf seine Hand legen?“Der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) behandelte ihn also nicht, wie die beiden aus den vorherigen Beispielen, sondern er riss ihm den Ring von seiner Hand und warf ihn auf den Boden. Als der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) wegging, sagte jemand zu diesem Mann: „Nimm deinen Ring und ziehe daraus deinen Nutzen.“ Der Mann sagte: „Bei Allāh, ich werde niemals einen Ring zu mir nehmen, den der Prophet (Allāh segne ihn und gebe ihm Heil) weggeworfen hat.“ [Muslim, Nr. 2090]

Allāhu akbar! Was für eine wunderschöne Befolgung von den Gefährten (möge Allāhs Wohlgefallen auf ihnen sein) ausging?

Daher ist es wichtig, dass der Aufrufer zu Allāh, den Allmächtigen und Glorreichen, mit Weisheit aufruft, denn ein Unwissender gleicht nicht einem Wissenden. Und der Widerspenstige gleicht nicht dem Bereitwilligen. Daher gibt es für jeden Ort die passende Aussage und für jede Gegebenheit einen bestimmten Zustand.

[Zād ad-Dāʿiyah ila Allāh, Muhammad Ibn Sālih al-ʿUthaymīn,  übersetzt von Eyad Hadrous]