Vorkehrung eines Aufrufers zu Allāh

Vorkehrung eines Aufrufers zu Allāh

Im Namen Allāhs, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen.

Alles Lob gebührt Allāh, Ihn lobpreisen wir, bei Ihm ersuchen wir unsere Hilfeleistung, Ihn bitten wir um Vergebung und zu Ihm kehren wir reumütig zurück. Wir suchen Zuflucht bei Allāh sowohl vor dem Übel unserer Seelen als auch vor unseren schlechten Taten. Wen Allāh rechtleitet, der wird nie in die Irre gehen, und wen Allāh in die Irre gehen lässt, den wird niemand rechtleiten.

Und ich bezeuge, dass es niemanden gibt, der zu Recht angebetet werden darf außer Allāh, und ich bezeuge, dass Muḥammad Sein Diener und Gesandter ist. Allāh, Der Erhabene, entsandte ihn mit der Rechtleitung und der wahren Religion, um sie über alle Religionen stehen zu lassen. Er verkündete die Botschaft, überbrachte die das Anvertraute (Amāna), wies die Ummah zurecht und bemühte sich für die Sache Allāhs, so wie es Ihm gebührt. So ließ er seine Gemeinde (Ummah) auf einem klaren Pfad zurück, dessen Nacht wie der Tag ist und wovon niemand abschweift außer jemand, der zu Grunde geht. Allāhs Segen und Frieden seien auf ihm und seiner Familie, auf seinen Gefährten und all jenen, die ihm bis zum Tage des Gerichts in bester Weise folgen. 
Und ich bitte Allāh, den Glorreichen und Allmächtigen, mich und euch zu seinen Befolgern zu zählen, sowohl aus dem tiefsten Inneren heraus als auch durch Äußerlichkeiten. Ich bitte Allāh mir einen Tod nach dem Glaubensbekenntnis (millah) des Gesandten zu gewähren, und dass wir mit ihm versammelt werden und einen Anteil an seiner Fürbitte haben dürfen. Möge Er uns in Seine edlen Paradiesgärten samt Seiner Gesandten, Wahrhaftigen, Märtyrern und den Tugendhaften vereinen, welchen Er Seine Gnade erwies. 

 

Nun zum Thema:

Liebe Brüder,

es ist mir immer eine Freude, mich mit meinen muslimischen Brüdern zu treffen sowohl hier als auch anderswo. Brüder von denen Gutes erhofft wird, nämlich das Verkünden dieser Religion. So hat Allāh, der Erhabene, mit jedem, dem Er Wissen gibt, ein Abkommen getroffen, dass er (dieses Wissen) den Menschen verdeutlicht und nicht für sich behält, so sagt Allāh, der Erhabene:

„Und (gedenkt,) als Allāh mit denjenigen, denen die Schrift gegeben worden war, ein Abkommen traf: ‚Ihr sollt sie den Menschen ganz gewiss klar machen und sie nicht verborgen halten!‘ Da warfen sie sie hinter ihren Rücken und verkauften sie für einen geringen Preis; wie schlimm ist das, was sie erkaufen!“[Āl-ʿImrān 3 : 187]

Dieses Abkommen, dass Allāh getroffen hat ist kein Vertrag, der einfach nur schriftlich festgehalten wird und bei dem die Menschen lediglich ein Zeugnis ablegen, vielmehr handelt es sich für den Vertragspartner um ein Abkommen zum Lehren, und zwar im Umfang des von Allāh erhaltenem Wissens. Nun, wenn Allāh jemanden Wissen gibt, so ist dies das Abkommen, welches Allāh mit diesem Mann traf oder jener Frau, welcher Allāh Wissen gab. Jeder, dem Er Wissen gab, trägt also die Aufgabe, diese Religion Allāhs, des Erhabenen, überall und zu jedem Anlass zu verkünden.

 

Liebe Brüder,

das Thema dieses Vortrags lautet „Vorkehrungen eines Aufrufers zu Allāh, dem Allmächtigen und Glorreichen“. 
Was die Vorkehrungen eines jeden Muslims betreffen, so ist dies, was Allāh, der Allmächtige und Glorreiche, in Seinen Worten verdeutlicht hat. Allāh sagt:

Und versorgt euch mit Reisevorrat, doch der beste Vorrat ist die Gottesfurcht.“ [al-Baqarah 2 : 197]                                                                   

Demnach ist der Vorrat eines jeden Muslims die Furcht vor Allāh (taqwā), des Glorreichen und Erhabenen. Allāh, der Erhabene, erwähnt im Qurʾān des Öfteren das Gedenken daran in Form einer Aufforderung, Er lobt denjenigen, der es verrichtet und Er zeigt den Lohn dafür auf und vieles mehr.

„Und beeilt euch um Vergebung von eurem Herrn und (um) einen (Paradies)garten, dessen Breite (wie) die Himmel und die Erde ist. Er ist für die Gottesfürchtigen bereitet, die in Freude und Leid ausgeben und ihren Grimm zurückhalten und den Menschen verzeihen. Und Allāh liebt die Gutes Tuenden und diejenigen, die, wenn sie eine Abscheulichkeit begangen oder sich selbst Unrecht zugefügt haben, Allāhs gedenken und dann für ihre Sünden um Vergebung bitten – und wer sollte die Sünden vergeben außer Allāh? – und (die) nicht auf dem beharren, was sie getan haben, wo sie doch wissen. Der Lohn jener ist Vergebung von ihrem Herrn und Gärten, durcheilt von Bächen, ewig darin zu bleiben. Und wie trefflich ist der Lohn derjenigen, die (gut) handeln!“ [Āl-ʿImrān 3 : 133-136]

O meine geehrten Brüder, ihr könntet nun fragen: „Was ist Gottesfurcht (taqwā)?“
Die Antwort gemäß der Überlieferung von Talq ibn Ḥabīb raḥimahullāh lautet: „Gottesfurcht ist das Tun im Gehorsam Allāhs und im Lichte von Allāh, in der Hoffnung auf den Lohn von Allāh.“ So brachte er in dieser Aussage das Wissen, das Handeln und sowohl die Hoffnung auf Belohnung als auch die Angst vor der Strafe zusammen. Das ist die Gottesfurcht (taqwā)!

Wir alle wissen sehr wohl, dass der Aufrufer zu Allāh, des Glorreichen und Allmächtigen, der Erste sein sollte, der sich mit der Eigenschaft der Gottesfurcht (taqwā) bereichert, dies sowohl im Geheimen als auch in der Öffentlichkeit. Mit der Hilfe Allāhs, des Glorreichen und Allmächtigen, werde ich an dieser Stelle das erwähnen, was im Zusammenhang mit dem Aufrufer zu Allāh steht und welche Vorkehrungen er benötigt.

 

Die erste Vorkehrung: Der Dāʿiyah muss über das, wozu er aufruft, Wissen haben.

Gemeint ist damit das authentische Wissen, dessen Fundament das Buche Allāhs und die Sunnah Seines Gesandten – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – sind. Denn jedes Wissen, was seinen Ursprung nicht hierin hat, muss zuerst mit diesen beiden Quellen verglichen werden und nachdem es offengelegt und kontrolliert wurde, schaut man ob es damit übereinstimmt oder ob es sich (den beiden Quellen) widerspricht. Wenn eine Übereinstimmung vorhanden ist, nimmt man es an, doch wenn es dem widerspricht, wird die Aussage des Redners, unabhängig davon, wer auch immer das sein mag, abgewiesen. Es wird von Ibn ʿAbbās – möge Allāhs Wohlgefallen auf beiden sein – bestätigt überliefert, dass er sagte: „Es fehlt nicht mehr viel daran, dass Steine auf euch aus dem Himmel fallen werden. Ich sage: ‚Der Prophet Allāhs sagte‘ und ihr sagt ‚Abu Bakr und ʿUmar sagen‘.“

Wenn dies mit der Aussage von Abu Bakr und ʿUmar geschieht, welche die Aussage des Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – widerspricht, was meint ihr geschieht dann mit der Aussage von jemand, der den beiden weder im Wissensstand noch in der Gottesfurcht, der Freundschaft oder gar dem Kalifat nahekommt?!? Das Ablehnen dieser Aussage, welche das Buche Allāhs und der Sunnah Seines Gesandten – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – widersprechen hat Priorität, denn so sagt Allāh, der Allmächtige und Glorreiche:

„So sollen diejenigen, die Seinem Befehl zuwiderhandeln, sich vorsehen, dass nicht eine Versuchung sie trifft oder schmerzhafte Strafe sie trifft.“[an-Nūr 24 : 63]

Imām Aḥmad – möge Allāh mit ihm barmherzig sein – sagte: „Weißt Du, was die Versuchung (fitnah) ist? Die Versuchung ist der Polytheismus (širk), es mag nämlich vorkommen, dass einige seiner Aussagen abgelehnt werden und sich dadurch etwas in seinem Herzen an Abschweifungen ansetzt und er dann zugrunde geht!“

Nun, die erste Vorkehrung mit welcher sich der Aufrufer zu Allāh, des Allmächtigen und Glorreichen, bereichern muss, ist das Aneignen von Wissen, welches er aus dem Buche Allāhs, des Erhabenen, und der Sunnah Seines Gesandten – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – entnommen hat. Gemeint ist die authentisch akzeptierte Sunnah. Was den Aufruf zum Islam, ohne das nötige Wissen, betrifft, so basiert diese Einladung auf Unwissenheit (ğahl). Die Daʿwah auf ğahl birgt demnach mehr Schaden als Nutzen. Dieser Dāʿiyah zählt sich selbst womöglich zu jemand, der gute Ratschläge erteilt und zu Besonnenheit aufruft, doch wenn er ein Unwissender ist, wird er dadurch zu einem Irregeleiteten, der selbst irreleitet; und wir suchen bei Allāh Zuflucht davor! Diese Unwissenheit bezeichnet man als unbewusste Unwissenheit (ğahlan murakabā) und diese Art von Unwissenheit ist schlimmer als die Einfache, denn der einfache ğahl stoppt einen und bringt ihn zum Schweigen und man kann ihn durch Lernen aufheben! Was aber die unbewusste Unwissenheit betrifft, so ist dies das Problem der Probleme! Ist jemand davon betroffen, wird er nicht schweigen, sondern sprechen selbst wenn es aus Unwissenheit heraus kommt. Wie gesagt, wird dieser zerstörerischer sein und als dass er Leute ins Licht führt.

O meine lieben Brüder…
Der Aufruf zu Allāh, ohne dafür das nötige Wissen zu haben, wiederspricht der Handhabung des Propheten  und seiner Nachfolger! Liest euch die Aussage Allāhs, des Erhabenen, durch, in der Er Seinem Propheten Muḥammad – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – in Befehlsform sagt:

„Sag: Das ist mein Weg: Ich rufe zu Allāh aufgrund eines sichtbaren Hinweises, ich und diejenigen, die mir folgen. Preis sei Allāh! Und ich gehöre nicht zu den Götzendienern.“ [Yūsuf 12 : 108]

So sagt Er: „Ich rufe zu Allāh aufgrund eines sichtbaren Hinweises, ich und diejenigen, die mir folgen.“, und hier sind seine  Befolger gemeint. Es ist also unausweichlich, als dass man zu Allāh mit Klarsicht (baṣīrah) aufruft und nicht mit Unwissenheit!

Klarsicht (baṣīrah) in drei Zuständen:

Lieber Dāʿiyah, halte dir die Aussage Allāhs, des Erhabenen, vor Augen: „aufgrund eines sichtbaren Hinweises“, also auf Klarsicht und die erfolgt in drei Zuständen:

Erstens:
Du hast den Tiefblick worüber Du aufrufst, sodass Du auch das nötige Wissen über die islamische Rechtsprechung zu deinem Aufruf kennst. Es kann nämlich durchaus vorkommen, dass man zu einer Sache aufruft von der man ausgeht, dass sie Pflicht (wāğib) sei, wobei sie gemäß der Rechtsprechung Allāhs (Scharīʿah) gar nicht wāğib ist und man die Diener Allāhs mit einer Sache verpflichtet, welche Allāh nicht zur Pflicht machte. Auch mag es sein, dass er zum Unterlassen einer Handlung aufruft, von der er selbst glaubt, dass sie verboten (ḥarām) sei, sie aber in der Religion Allāhs gar nicht ḥarām ist und so verbietet er den Dienern Allāhs das, was Allāh ihnen erlaubte.

Zweitens
Du benötigst einen Überblick über den Zustand derjenigen, die du einladen willst; von daher sagte der Prophet – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – zu Muʿāḏ, als er ihn in den Jemen sandte:

„Du wirst auf ein Volk von den Leuten der Schrift treffen.“  [Buḫārī, 1496; Muslim, 31, 19]                                                                                        

Dies sagte er – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – damit ihm deren Lebenseinstellung bewusst ist und er sich darauf vorbereitet. Es ist also unbedingt nötig, dass man den Zustand des Gegenübers kennt und seinen Wissensstand weiß. Wie stark ist er im debattieren? Du musst auf ihn vorbereitet sein, damit du mit ihm diskutieren und debattieren kannst. Die Gefahr besteht nämlich darin, dass man in einer Diskussionen mit jemanden, welcher im debattieren stärker ist, im Bezug auf die Wahrheit ein gewaltiges Desaster entsteht (also die Wahrheit untergeht) und du der Grund dafür bist! Und glaube nicht, dass sich die Vertreter der Falschheit mit allem geschlagen geben, so sagte der Gesandte Allāhs :

„Ihr kommt mit einem Streit zu mir und es mag sein, dass einer von euch in seiner Argumentation stärker ist als der andere und gemäß dem, was ich zu hören bekomme urteile ich auch.“ 
[Buḫārī, 2680, 6967, 7169; Muslim, 1713]

Dies deutet daraufhin, dass dein Gegenüber, auch wenn er im Unrecht ist, mit seiner Art und Weise zu debattieren, einem anderen überlegener sein kann, somit entscheidet man gemäß dem, was dieser sagt. Es ist also unbedingt nötig, dass du den Zustand desjenigen kennst, den du einladen möchtest.

Drittens
Du hast die Klarsicht und weist auf welche Art und Weise man zu Allāh aufruft. Allāh, der Erhabene, sagt:

„Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen in bester Weise.“ [an-Naḥl 16 : 125]                      

Manch einem kann es passieren, dass er das Verwerfliche vor sich sieht und sich dann regelrecht drauf stürzt (um davon abzuhalten), dabei bedenkt er die möglichen Auswirkungen nicht, welche durch sein eigenes Fehlverhalten sowohl auf ihn selbst als auch auf andere Dāʿiyah fallen könnte.

Aus diesem Grund ist es wāğib, also eine Pflicht für den Dāʿiyah, noch bevor er einen Schritt unternimmt, sich die möglichen Resultate (des Aufrufs) vor Augen zu halten und (die Vor- und Nachteile dieses Gesprächs) abzuwiegen. Es mag stimmen, dass er dadurch in diesem Augenblick das Feuer der Eifersucht (gegenüber der Religion) löschen könnte, aber definitiv ist es so, dass zukünftig für dieselbe und andere Taten seine Eifersucht gedämpft sein könnte. Dies kann einem sehr schnell passieren. Deswegen betone ich gegenüber meinen Brüdern, den Aufrufern zu Allāh, mit Weisheit und Geduld zu handeln. Und selbst wenn sich dadurch die Angelegenheit leicht verzögert, wird es mit der Erlaubnis Allāhs, des Erhabenen, ein lobenswertes Ende geben.

Wenn dem so ist und ich meine damit, dass der Dāʿiyah sich mit authentischem Wissen vorsieht, welches aus dem Buche Allāhs und der Sunnah des Gesandten – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – stammt, und dies auch der Anweisung der religiösen Texte entspricht, dann ist es auch die Anweisung des wahrhaftigen Verstandes, indem weder Platz für Scheinargumente und Zweifel noch für Neigungen vorhanden sind. Wie willst Du auch zu Allāh, den Glorreichen und hoch Erhabenen, aufrufen und du kennst nicht einmal den Weg, der zu Ihm führt und kennst Seine Scharīʿah nicht.

Wie willst Du also ein Dāʿiyah sein?

Sodann, wenn der Mensch also kein Wissensträger ist, erfordert es Prioritäten zu setzen und zuerst die Religion zu erlernen und anschließend dazu einzuladen.

Es könnte nun jemand folgenden Einwand einbringen und fragen:

„Widerspricht deine Aussage nicht der Aussage des Propheten – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil: ‚Überliefert von mir, selbst wenn es nur ein Vers ist.’?“ [Buḫārī, 3461]

Die Antwort darauf ist: 
„Nein, denn der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – sagte: „Überliefert von mir, …“. Nun, so kommst Du nicht dran vorbei, als dass die Verkündung ihren Ursprung beim Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und gebe ihm Heil – haben muss. Und genau dies ist es, was wir beabsichtigen und mit unseren Worten zum Ausdruck bringen wollen. Doch wir meinen – wenn wir sagen, dass der Dāʿiyah über Wissen verfügen muss – nicht, dass er in seiner Bildung im Fortgeschrittenenstatus sein muss. Vielmehr meinen wir, dass er nur dann zu etwas aufrufen soll, wenn er das nötige Wissen dafür mit sich trägt; er soll über nichts sprechen wovon er kein Wissen hat!

[Zād ad-Dāʿiyah ila Allāh, Muhammad Ibn Sālih al-ʿUthaymīn,  übersetzt von Eyad Hadrous]